Fußnoten von T.P.

Verborgen

Als Kind war ich ein großer Verberger. Verstecken war kein Spiel. Verstecken war Überleben. Seitdem weiß ich, dass der Mensch einen Anspruch hat auf das Verbergen. Verborgenheit ist das Grundrecht, ein Geheimnis zu haben, ein Geheimnis zu leben, ein Geheimnis zu sein. Die Würde des Menschen ist seine Unantastbarkeit, die Verborgenheit sein Schutz. Er darf sich verkriechen und verflüchtigen. Er darf Labyrinthe bauen, die andere an ihm vorbei irren lassen. Sie müssen es aushalten. Es ist die Bergung des Menschen vor dem Menschen. Du sollst keinem nachgehen, der sich verbirgt. Zieh nicht das Tuch vom Gesicht des anderen und nicht das Kleid von seiner Haut. Manchmal kann er nur im Verbergen überleben, so wie du und ich. Es geht um die höchste Verletzlichkeit, um das ‚Ich‘, diesen König und Bettler. Jedes ‚Ich‘ hat einen Namen und jeder Name ein Gesicht und jedes Gesicht eine zitternde Erscheinung. Es muss unentwegt öffentlich werden, sichtbar, auffindbar. Deshalb braucht es seine verborgenen Orte. Denn draußen ist immer Jahrmarkt, immer Schaustellerei, immer Bühne. Draußen ist immer einer, der dich dir nicht glaubt.

Als Kafka Kind war in Prag, führte sein Schulweg durch den Altstädter Ring. Er musste über den großen Platz. Es gab dort keine Möglichkeit, sich zu verbergen, sich unsichtbar zu machen. Aber der kleine Kafka hatte schon die Scheu des großen: Die Angst vor Entbergungen, die Furcht vor der Wunde der Auffindbarkeit. Kafka liebte das Evangelium des Verborgenen.

Ich auch.

Und Gott?

Was ist mit ihm, dem großen Selbstverhüller? Verborgen bis ins vage Vermuten hinein. So tief im Geheimnis verschwunden, dass er zur Leugnung seiner selbst einlädt. Riskanter kann man sich nicht verbergen als im Zweifel der Menschen. Was ist mit einem, der von sich sagt: „Ich werde sein, der ich sein werde.“

Verrätselter geht es kaum.

Mir aber ist immer lieb gewesen, dass Gott sich unauffindbar macht. Ich mag, dass er das Verborgene lebt, um es zu schützen.

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Zum 3. Oktober 2020

Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ (Ps 31,9)

Als Kind spielte ich am liebsten auf einer schmalen Wiese hinter dem Haus. Sie war begrenzt durch dreimal Zaun und einmal Mauer. Viel Platz war da nicht. Aber ich fand Käfer dort, Rindenstücke und schöne Steine. Für alle fand ich einen Namen und eine Geschichte. So wurde aus der kleinen Welt draußen eine große in meinem Kopf.

In den Geschichten meiner Kinderbibel war das genauso. Jona hockt im Bauch des Fisches und singt genau dort sein Gebetslied. Daniel „lobt und dankt Gott“ ausgerechnet in der Löwengrube. Paulus fühlt sich im Kerker freier mit seinem Gott als draußen ohne ihn. So ist das also, dachte ich: Wenn draußen kein weiter Raum ist, schenkt Gott ihn innen.

Als Jugendlicher lebte ich in Ummerstadt. Das war wie ein Sack aus Grenze. Nur Richtung Heldburg gab es eine kleine Öffnung. In Mendhausen war das ganz ähnlich. Aber weder die Ummerstädter noch die Mendhäuser sind in ihren Herzen eng geworden. Wenn draußen kein weiter Raum ist, schenkt Gott ihn innen.

Als ich dann studierte, faszinierte mich besonders Dietrich Bonhoeffer. Eingesperrt in einem Nazi-Gefängnis schrieb er Texte von unerhörter Tiefe und Frömmigkeit. Außen Gitterstäbe aus Stahl, innen weiter Raum aus Gottvertrauen. Das hat mein Leben geprägt: Immer, wenn es eng wurde, hat mich der weite Raum meines Glaubens getragen.

Ihr Lieben!

Es war aufregend und befreiend, als 1989 die Grenze fiel. Weiter Raum bis München und Hamburg. Weiter Raum bis Paris und Rio. Aber ich habe nie das weite Land in mir vergessen: Das Vertrauen meiner Seele auf den Gott des Lebens. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum, Herr“ – auch wenn es eng wird.

Das gilt für die Jahre vor der Grenze und die Zeiten danach, die mir allerdings viel fröhlicher und lieber sind.

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Gott war früher

Ich habe einen Frage – Freund. Er forscht gern ein bisschen in mich hinein. Wir mögen uns, obwohl er die Welt gern erklärt, während ich sie lieber staune. Kürzlich fragte er mich: „Du, Thomas, wieso glaubst du eigentlich? Du bist doch sonst ein ganz vernünftiger Junge. Gott war früher, als die Leute so was noch brauchten.“

Gott war früher.“ Mir gefallen solche steilen Sätze. Aber ich sehe es trotzdem anders. Außerdem bin ich gern mal ein unvernünftiger Junge. Ich denke um die Ecke. Ich streune durch die sieben Himmel meiner Sehnsucht. Ich liebe Verwunderungen. Ich mag Wissenschaft durchaus, aber ich misstraue Beweisen. Ich interessiere mich für Forschung, aber ich fürchte eine ausgeforschte Welt. Ich habe eine Leidenschaft für unlösbare Rätsel und gehütete Geheimnisse. Zu all dem gibt mir der Glaube Raum und Tiefe. Er ist ein Abenteuerland der Seele. Er bleibt so schön unverfügbar. Er ist nie nur das, was ich gefunden habe. Er ist immer auch das, was ich suche. Glaube ist mehr Staunen als Wissen, mehr Fragen als Antworten. Und die Welt ist mit Gott durchaus eine andere als ohne ihn. Sie ruht im Zauber ihrer Heiligkeit. Sie ist Schöpfung in Fülle und Schönheit. Ich höre die Melodie des Göttlichen in ihr. Den Sound der verheißenden Tiefe. Das mag ich sehr.

Alfred Depp (Jesuit und Widerstandskämpfer) schreibt (mit gefesselten Händen!) am 17. November 1944 in einer Zelle in Berlin Tegel: „Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brennpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen.“

Oder, von meinem geliebten Antwort – Freund Matthias Claudius herrlich gedichtet: „So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sind nicht sehn.“

Du fragst, warum ich glaube?

Deshalb!

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Irgendwo dort, weit weg.

Nein, es soll einmal nicht um Corona gehen. Auch ich bin betrübt angesichts derer, um die wir bangen oder gar trauern. Aber Corona ist eine begrenzte Plage. Eines Tages wird sie vorbei sein und vielleicht medizinisch so beherrschbar wie manche frühere auch.

Genau das aber gilt für die verheerendste Seuche der Menschheitsgeschichte nicht: Die Pandemie des Hungers. Sie ist immer, Jahr für Jahr. Kein Fernsehsender, der jeden Abend die neuen Zahlen veröffentlicht: Neu erkrankt an der Pandemie des Hungers: … Gestorben: … Risikogruppe: Kinder. Hochrisiko: „Säuglinge“.

Die Pest war zeitlich begrenzt. Die spanische Grippe war zeitlich begrenzt. Corona ist zeitlich begrenzt. Hunger ist immer. Gegen Corona wird man hoffentlich einen Impfstoff finden, so wie gegen Keuchhusten und Diphterie. Es wäre ein Segen, keine Frage. Aber wo ist der Impfstoff gegen die Pandemie des Hungers, die opferreichste aller Seuchen? Wo ist die fieberhafte Suche nach einem Gegenmittel angesichts Millionen Hungertoter? Wo sind die Konjunkturprogramme, die Rettungsschirme? Wo ist die Einigkeit über alle Parteien hinweg, mit Entschlossenheit diese Pandemie zu bekämpfen? Eine Krankheit, die heilbar ist. Es brauchte nur eine Abschöpfung des Überschusses. Wir erleben gerade, wie Prominente ihre Schatullen öffnen. Der König von Twitter gibt eine seiner 4 Milliarden. Sportgrößen veröffentlichen ihre Millionenspenden. Corona, die Krankheit, die einen selbst treffen könnte, macht es möglich. Hunger, die erbärmlichste Seuche zum Tode, ist offenbar weit genug weg. Irgendwo dort, wo die Dürre immer schlimmer wird, weil wir das Leben aufgebläht haben zu einer Verbrauchsorgie. Irgendwo dort, wo die Armen angeblich selbst Schuld sind, sich die Bodenschätze von den Reichen weg schürfen zu lassen, um sie dann veredelt und teuer zurückkaufen zu dürfen. Irgendwo dort, weit weg.

Wir werden die Staatsschulden, die Corona uns auferlegt, über Steuern tilgen. Wie wäre es mit einer Steuer gegen die Pandemie des Hungers? Ein Pro-Kopf-Geld in allen reichen Ländern dieser Erde? Gestaffelt nach Einkommen. Die besonders Vermögenden könnten ja mehr erübrigen: Zwei von vier Milliarden? Eine von zehn Millionen? Zwanzig von fünfhunderttausend? Wie auch immer: Es müsste verpflichtend sein für alle, weil es sonst nichts wird: Jede, jeder in der Auto -, Reise- , Party – und Smartphonewelt. Es braucht kein Labor, um den Impfstoff zu finden. Es braucht eine Übereinkunft, wie wir sie jetzt ja auch hinbekommen. Ich weiß sehr wohl, dass ich erst einmal bei mir selbst anfangen muss. Gerade ich, der Christ, der unbeholfen Glaubende. Was ich abgebe, ist zu wenig, was ich erübrige, zu erbärmlich. Ich will weiter daran arbeiten. Trotzdem muss aus dem „Ich“ ein „Wir“ werden und aus dem „Kann“ ein „Muss“. Sonst reicht es nicht. Sonst ist die verheerendste aller Pandemien nicht zu besiegen. Heute sollte es einmal nicht um Corona gehen.

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Andacht zum Osterfest 2020

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Christus entstauben

Es ist grad alles anders: Wartezeit. Stille Zeit. Die Kirche bleibt leer, auch sonntags.

Also nehme ich mir am Montag die Sakristei vor: Aufräumen, ordnen, Staub jagen. Es ist ein großes Finden ohne Suchen: Unmengen an Christbaumkugeln, viele aus längst vergangenen Zeiten. Kerzen, die man neu sortieren und zur heiligen Lichtnutzung vorbereiten kann. Und dann, ja dann: Ein Kruzifix. Es stand ein bisschen im Verborgenen. Vorsichtig ziehe ich es hervor. Es ist so schön, wie ein Kruzifix eben sein kann: Traurig schön. Ich wasche den Christus sorgsam ab. Ich trockne ihn. Mein „Elsterglanz“ aus DDR-Zeiten hole ich nicht. Christus soll nicht glänzen. Ich weiß, dass er das nicht will.

Ich drehe das Kruzifix herum. Auf der Rückseite steht die Jahreszahl „1923“ und der Name einer Familie, aber kein Ort. Dieser Christus wird bald hundert. Irgendwann hat man ihn im Pfarramt abgegeben. Vielleicht stand er einmal auf einem Hausaltar und hat dort auch flehenden Glauben in bangen Zeiten erlebt, so wie wir gerade. Es kamen ja dann Inflation, zweiter Weltkrieg, Flucht- und Hungerzeiten und all die heißen Gebete dazu.

Ich baue einen kleinen Altar in unserer Sakristei: Ein Tisch, zwei Kerzen und der gekreuzigte Christus aus dem Jahr 1923.

Ich hole dich ans Licht, Bruder Jesus, du Gefährte unserer jubelnden Freuden und bitteren Leiden und all dessen dazwischen. Ich hole dich ans Licht, und morgen früh bete ich mal hier in der Sakristei.

Vor dir für uns.

Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. (1. Petrus 5,7)

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Briefe in Fernzeiten

Abstandsanweisungen, Abstandsmarkierungen, Abstandskontrollen.

In diesen Zeiten definiert sich vieles in Distanzen.

Was können wir tun? Anrufen und reden. Ja, das ist wichtig. Digitale Post über das Smartphone? Ja, wer es mag.

Und wie wäre es mal wieder mit dem schönen, alten Brief? Anrede oben, Gruß unten, Text dazwischen. Kuvert, Briefmarke, Adresse, Absender. Abschicken. Und dann? Dann geht einer mittags zu seinem Postkasten. Weißt du, wie man sich über einen richtigen Brief freuen kann? Gerade in diesen Tagen? Ein Brief ist sinnlich. Du kannst ihn in Händen halten, öffnen, lesen.

Also, wie wär’s? Briefe in Fernzeiten, bis wir endlich wieder zueinander kommen. Das Neue Testament ist voll davon.

Dies schreibe ich dir und hoffe, bald zu dir zu kommen!“ (1. Timotheus 3,14)

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Nur Bach war noch da

Ich will euch von Klaus erzählen. Vor Kurzem kam der Tod in sein Haus und nahm ihm die Frau fort. Eine Frau wie ein Wildpferd. Immer auf dem Sprung. Immer den Wind um die Ohren. Nachts wollte sie manchmal aufs Fahrrad. „Ich muss jetzt fort, kommst du mit?“ Natürlich kam er mit. Man lässt Wildpferde nicht allein durch den Wind galoppieren. Also nachts halb eins mit dem Fahrrad zum Fluss. Und an den Samstagen sagte sie manchmal nach dem Aufstehen: „Ich mag jetzt nach Prag fahren. Kommst du mit?“ Zu halten war sie nicht. Keine Zügel. Keine Hindernisse auf dem Parcours. Und immer dieses „Auf dem Leben Reiten“ ohne Sattel. Manchmal ging es früh fünfhundert Kilometer bis zum Meer hinauf und abends zurück. Sie konnte Stunden am Strand laufen und unvernünftig weit hinaus schwimmen. Ein Wildpferd im Wasser.

Aber dann lag sie mehr als 16 Wochen. Versunkene Augen, die doch einmal wie Wunderkerzen geleuchtet hatten. Und schließlich ihre Flüsterworte: „Du Klaus, ich hab den Tod in mir. Ich glaub, er will mich ganz. So, wie du.“

Als sie starb, war es, als ob auf dem Jahrmarkt die Karussells stehenbleiben würden. Nur Bach war noch da, die Musik, die sie in den letzten Tagen hörte. Die Musik vor der großen Stille. Jetzt hört er sie immer und immer wieder.

Plötzlich regt sich Leben, Wildpferdleben. Seine Tochter kommt aus der Schule. Sie tanzt leichtfüßig durch die Eingangstür. Sie umarmt ihn: „Ach Papa, du hörst es ja schon wieder!“ Er nickt. Er ist in dieser Musik verschwunden und will eigentlich nie mehr heraus. Nicht aus der Musik und nicht aus dem Trost der Worte. Sie geben ihm Kraft für die beiden Töchter und das Leben, das ihn finden soll. Ein Leben, das niemals wieder galoppieren wird. Aber tanzen, tanzen wird es auf zartjungen Füßen. „Ach, Papa, du hörst es ja schon wieder!“

Ja, einmal noch und noch einmal und …:

Wohl mir, dass ich Jesum habe,

o wie feste halt ich ihn,

dass er mir mein Herze labe,

wenn ich krank und traurig bin.

Jesum hab ich, der mich liebet,

und sich mir zu eigen gibet;

ach, drum lass ich Jesum nicht,

wenn mir gleich mein Herze bricht.“