Fußnoten von T.P.

Irgendwo dort, weit weg.

Nein, es soll einmal nicht um Corona gehen. Auch ich bin betrübt angesichts derer, um die wir bangen oder gar trauern. Aber Corona ist eine begrenzte Plage. Eines Tages wird sie vorbei sein und vielleicht medizinisch so beherrschbar wie manche frühere auch.

Genau das aber gilt für die verheerendste Seuche der Menschheitsgeschichte nicht: Die Pandemie des Hungers. Sie ist immer, Jahr für Jahr. Kein Fernsehsender, der jeden Abend die neuen Zahlen veröffentlicht: Neu erkrankt an der Pandemie des Hungers: … Gestorben: … Risikogruppe: Kinder. Hochrisiko: „Säuglinge“.

Die Pest war zeitlich begrenzt. Die spanische Grippe war zeitlich begrenzt. Corona ist zeitlich begrenzt. Hunger ist immer. Gegen Corona wird man hoffentlich einen Impfstoff finden, so wie gegen Keuchhusten und Diphterie. Es wäre ein Segen, keine Frage. Aber wo ist der Impfstoff gegen die Pandemie des Hungers, die opferreichste aller Seuchen? Wo ist die fieberhafte Suche nach einem Gegenmittel angesichts Millionen Hungertoter? Wo sind die Konjunkturprogramme, die Rettungsschirme? Wo ist die Einigkeit über alle Parteien hinweg, mit Entschlossenheit diese Pandemie zu bekämpfen? Eine Krankheit, die heilbar ist. Es brauchte nur eine Abschöpfung des Überschusses. Wir erleben gerade, wie Prominente ihre Schatullen öffnen. Der König von Twitter gibt eine seiner 4 Milliarden. Sportgrößen veröffentlichen ihre Millionenspenden. Corona, die Krankheit, die einen selbst treffen könnte, macht es möglich. Hunger, die erbärmlichste Seuche zum Tode, ist offenbar weit genug weg. Irgendwo dort, wo die Dürre immer schlimmer wird, weil wir das Leben aufgebläht haben zu einer Verbrauchsorgie. Irgendwo dort, wo die Armen angeblich selbst Schuld sind, sich die Bodenschätze von den Reichen weg schürfen zu lassen, um sie dann veredelt und teuer zurückkaufen zu dürfen. Irgendwo dort, weit weg.

Wir werden die Staatsschulden, die Corona uns auferlegt, über Steuern tilgen. Wie wäre es mit einer Steuer gegen die Pandemie des Hungers? Ein Pro-Kopf-Geld in allen reichen Ländern dieser Erde? Gestaffelt nach Einkommen. Die besonders Vermögenden könnten ja mehr erübrigen: Zwei von vier Milliarden? Eine von zehn Millionen? Zwanzig von fünfhunderttausend? Wie auch immer: Es müsste verpflichtend sein für alle, weil es sonst nichts wird: Jede, jeder in der Auto -, Reise- , Party – und Smartphonewelt. Es braucht kein Labor, um den Impfstoff zu finden. Es braucht eine Übereinkunft, wie wir sie jetzt ja auch hinbekommen. Ich weiß sehr wohl, dass ich erst einmal bei mir selbst anfangen muss. Gerade ich, der Christ, der unbeholfen Glaubende. Was ich abgebe, ist zu wenig, was ich erübrige, zu erbärmlich. Ich will weiter daran arbeiten. Trotzdem muss aus dem „Ich“ ein „Wir“ werden und aus dem „Kann“ ein „Muss“. Sonst reicht es nicht. Sonst ist die verheerendste aller Pandemien nicht zu besiegen. Heute sollte es einmal nicht um Corona gehen.

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Andacht zum Osterfest 2020

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Christus entstauben

Es ist grad alles anders: Wartezeit. Stille Zeit. Die Kirche bleibt leer, auch sonntags.

Also nehme ich mir am Montag die Sakristei vor: Aufräumen, ordnen, Staub jagen. Es ist ein großes Finden ohne Suchen: Unmengen an Christbaumkugeln, viele aus längst vergangenen Zeiten. Kerzen, die man neu sortieren und zur heiligen Lichtnutzung vorbereiten kann. Und dann, ja dann: Ein Kruzifix. Es stand ein bisschen im Verborgenen. Vorsichtig ziehe ich es hervor. Es ist so schön, wie ein Kruzifix eben sein kann: Traurig schön. Ich wasche den Christus sorgsam ab. Ich trockne ihn. Mein „Elsterglanz“ aus DDR-Zeiten hole ich nicht. Christus soll nicht glänzen. Ich weiß, dass er das nicht will.

Ich drehe das Kruzifix herum. Auf der Rückseite steht die Jahreszahl „1923“ und der Name einer Familie, aber kein Ort. Dieser Christus wird bald hundert. Irgendwann hat man ihn im Pfarramt abgegeben. Vielleicht stand er einmal auf einem Hausaltar und hat dort auch flehenden Glauben in bangen Zeiten erlebt, so wie wir gerade. Es kamen ja dann Inflation, zweiter Weltkrieg, Flucht- und Hungerzeiten und all die heißen Gebete dazu.

Ich baue einen kleinen Altar in unserer Sakristei: Ein Tisch, zwei Kerzen und der gekreuzigte Christus aus dem Jahr 1923.

Ich hole dich ans Licht, Bruder Jesus, du Gefährte unserer jubelnden Freuden und bitteren Leiden und all dessen dazwischen. Ich hole dich ans Licht, und morgen früh bete ich mal hier in der Sakristei.

Vor dir für uns.

Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. (1. Petrus 5,7)

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Briefe in Fernzeiten

Abstandsanweisungen, Abstandsmarkierungen, Abstandskontrollen.

In diesen Zeiten definiert sich vieles in Distanzen.

Was können wir tun? Anrufen und reden. Ja, das ist wichtig. Digitale Post über das Smartphone? Ja, wer es mag.

Und wie wäre es mal wieder mit dem schönen, alten Brief? Anrede oben, Gruß unten, Text dazwischen. Kuvert, Briefmarke, Adresse, Absender. Abschicken. Und dann? Dann geht einer mittags zu seinem Postkasten. Weißt du, wie man sich über einen richtigen Brief freuen kann? Gerade in diesen Tagen? Ein Brief ist sinnlich. Du kannst ihn in Händen halten, öffnen, lesen.

Also, wie wär’s? Briefe in Fernzeiten, bis wir endlich wieder zueinander kommen. Das Neue Testament ist voll davon.

Dies schreibe ich dir und hoffe, bald zu dir zu kommen!“ (1. Timotheus 3,14)

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Nur Bach war noch da

Ich will euch von Klaus erzählen. Vor Kurzem kam der Tod in sein Haus und nahm ihm die Frau fort. Eine Frau wie ein Wildpferd. Immer auf dem Sprung. Immer den Wind um die Ohren. Nachts wollte sie manchmal aufs Fahrrad. „Ich muss jetzt fort, kommst du mit?“ Natürlich kam er mit. Man lässt Wildpferde nicht allein durch den Wind galoppieren. Also nachts halb eins mit dem Fahrrad zum Fluss. Und an den Samstagen sagte sie manchmal nach dem Aufstehen: „Ich mag jetzt nach Prag fahren. Kommst du mit?“ Zu halten war sie nicht. Keine Zügel. Keine Hindernisse auf dem Parcours. Und immer dieses „Auf dem Leben Reiten“ ohne Sattel. Manchmal ging es früh fünfhundert Kilometer bis zum Meer hinauf und abends zurück. Sie konnte Stunden am Strand laufen und unvernünftig weit hinaus schwimmen. Ein Wildpferd im Wasser.

Aber dann lag sie mehr als 16 Wochen. Versunkene Augen, die doch einmal wie Wunderkerzen geleuchtet hatten. Und schließlich ihre Flüsterworte: „Du Klaus, ich hab den Tod in mir. Ich glaub, er will mich ganz. So, wie du.“

Als sie starb, war es, als ob auf dem Jahrmarkt die Karussells stehenbleiben würden. Nur Bach war noch da, die Musik, die sie in den letzten Tagen hörte. Die Musik vor der großen Stille. Jetzt hört er sie immer und immer wieder.

Plötzlich regt sich Leben, Wildpferdleben. Seine Tochter kommt aus der Schule. Sie tanzt leichtfüßig durch die Eingangstür. Sie umarmt ihn: „Ach Papa, du hörst es ja schon wieder!“ Er nickt. Er ist in dieser Musik verschwunden und will eigentlich nie mehr heraus. Nicht aus der Musik und nicht aus dem Trost der Worte. Sie geben ihm Kraft für die beiden Töchter und das Leben, das ihn finden soll. Ein Leben, das niemals wieder galoppieren wird. Aber tanzen, tanzen wird es auf zartjungen Füßen. „Ach, Papa, du hörst es ja schon wieder!“

Ja, einmal noch und noch einmal und …:

Wohl mir, dass ich Jesum habe,

o wie feste halt ich ihn,

dass er mir mein Herze labe,

wenn ich krank und traurig bin.

Jesum hab ich, der mich liebet,

und sich mir zu eigen gibet;

ach, drum lass ich Jesum nicht,

wenn mir gleich mein Herze bricht.“